Jedes Jahr im Januar erscheint eine neue Liste mit „Die Design-Trends des Jahres". Immer dieselbe Struktur: zehn Punkte, zehn Moodboard-Bilder, kein Wort darüber, ob das irgendjemanden wirklich etwas angeht. Viele der „Trends" dort sind entweder längst Mainstream, Nischen-Ästhetiken aus Designstudios oder schlicht Marketing für Tools. Dieser Artikel unterscheidet stattdessen: Was hat dauerhaft Einfluss auf die Wirkung eurer Website? Was ist gerade in einer relevanten Adoptionsphase? Und was könnt ihr bedenkenlos ignorieren?


Was bleibt – und wichtiger wird
Typografie als Designelement
Die Entwicklung der letzten drei Jahre ist eindeutig: Typografie übernimmt Aufgaben, die früher Illustrationen oder Fotos hatten. Große, mutige Schrift als Gestaltungselement – nicht als Beschriftung. Editorial-Stil, ursprünglich aus Print-Magazinen, ist im Web angekommen und bleibt.
Das hat praktische Gründe: Texte laden schnell, skalieren perfekt, brauchen keine Bildrechte, und funktionieren auf allen Bildschirmgrößen. Für Marken, die Charakter haben wollen ohne Bild-Budget, ist konsequente Typografie oft der stärkste Hebel.
Was das konkret bedeutet: Variable Fonts, durchdachte Schrifthierarchien (nicht drei Schriften auf einer Seite), und der Mut, Headline-Text groß sein zu lassen. Nicht jede Website braucht ein Hero-Bild. Manchmal ist ein 120px-Heading die stärkere Aussage.
Weißraum und Reduktion
In einer Informationsumgebung, die täglich überflutet, wirkt Luft auf einer Website wie ein Atemzug. Das ist keine ästhetische Präferenz – es ist Psychologie. Nutzer nehmen sich mehr Zeit, wenn die Seite nicht kämpft. Sie lesen mehr, wenn der Text atmen kann.
Gleichzeitig ist Reduktion schwieriger als Fülle. Es ist leichter, alle Informationen auf die Startseite zu packen, als klar zu entscheiden, was weggelassen wird. Websites, die diesen Schritt konsequent machen, wirken professioneller – unabhängig vom Budget.
Die Gegenthese ist übrigens auch wahr: zu wenig Inhalt wirkt dünn und austauschbar. Der Sweet Spot liegt in bewusstem Weißraum mit substanziellem Inhalt – nicht in leeren Seiten.
Performance als Designentscheidung
Speed ist kein technisches Thema, das nach dem Design gelöst wird. Es ist eine Designentscheidung, die vor dem ersten Wireframe getroffen wird. Jede Autoplay-Animation, jeder riesige Parallax-Effekt, jedes eingebettete Video hat seinen Preis in Millisekunden – und der zahlt sich in Absprüngen aus.
2026 ist die Erwartung von Nutzern klar: eine Seite, die auf Mobile länger als drei Sekunden braucht, bekommt keine zweite Chance. Das sollte die Designphase beeinflussen: welche Elemente kosten wirklich etwas, und welchen Return bringen sie?
Gute Designer denken heute in Performance-Budget. Schlechte denken zuerst in Effekten und hoffen, dass die Entwickler das irgendwie schnell machen.
Accessibility: kein Bonus, sondern Basis
Barrierefreiheit ist seit Jahren ein Thema, das viele Projekte vertagen. Das war bisher oft ohne direkte Konsequenzen. Das ändert sich: der European Accessibility Act verpflichtet Unternehmen ab Mitte 2025 zu WCAG-konformen digitalen Angeboten – wer öffentlich zugängliche Websites oder Apps betreibt, ist potenziell betroffen.
Accessibility ist außerdem ein indirekter Ranking-Faktor: alt-Texte für Bilder, semantisch korrekte HTML-Struktur, ausreichende Farbkontraste – alles, was Screenreadern hilft, hilft auch dem Googlebot. Und Accessibility-Probleme sind häufig UX-Probleme, die alle betreffen, nicht nur Menschen mit Einschränkungen.
Was gerade relevant ist
Micro-Interactions und Scroll-Animationen
Micro-Interactions – die kleinen Reaktionen einer UI auf Nutzerhandlungen – sind kein neues Konzept, aber ihre Qualität hat sich verändert. Früher: CSS-Hover-Effekte. Heute: durchdachte Zustandsübergänge, die das Interface lebendig machen, ohne abzulenken.
Scroll-basierte Animationen (Elemente, die beim Einblenden erscheinen, sich verschieben, aufdecken) sind ebenfalls etabliert – wenn sie mit Maß eingesetzt werden. Das Schlüsselwort ist dezent: eine subtile Einblendung, die dem Auge folgt, hilft der Nutzerführung. Fünf verschiedene Einblend-Animationen auf einer Seite lenken ab und wirken amateurhaft.
Technisch gilt: Animationen müssen prefers-reduced-motion respektieren. Nutzer mit Bewegungsempfindlichkeit oder Epilepsie können in ihrem Betriebssystem eine Einstellung setzen – Animationen, die das ignorieren, sind keine gute Idee.
Dark Mode: Standard, kein Trend mehr
Dark Mode ist keine Spielerei mehr. Viele Nutzer haben ihn als systemweite Einstellung dauerhaft aktiv. Eine Website, die Dark Mode nicht korrekt umsetzt, zeigt hell auf einem ansonsten dunklen Betriebssystem – ein deutliches Signal, dass die Seite nicht fertig ist.
Korrekte Implementierung bedeutet: Dark Mode über die CSS-Media-Query prefers-color-scheme: dark detektieren, systematisch über CSS Custom Properties umschalten (nicht mit hartkodierten Farbwerten), und testen. Häufige Fehler: weiße Icons auf weißem Hintergrund, zu wenig Kontrast in Dark-Mode-Textfeldern, Bilder die auf hellem Hintergrund gestaltet wurden und im Dark Mode verloren wirken.
Wenn Dark Mode nicht korrekt gemacht werden kann, ist es besser, ihn nicht anzubieten, als eine fehlerhafte Version zu zeigen.
Bento-Grid-Layouts
Bento-Grid – modulare, rasterbasierte Layouts inspiriert von Apple-Produktseiten und japanischen Bentoboxen – haben breite Adaption erfahren. Feature-Seiten, Produkt-Overviews, Dashboard-Visualisierungen: der Stil eignet sich gut, um mehrere Informationen gleichzeitig visuell zu strukturieren, ohne eine lineare Lesereihenfolge zu erzwingen.
Es ist kein Universal-Layout, aber für bestimmte Inhaltstypen eine wirklich elegante Lösung. Die Gefahr: Bento-Grids werden oft ohne inhaltliche Logik gebaut – neun Module, weil es visuell ausgewogen aussieht, nicht weil diese Aufteilung dem Verständnis hilft.
Motion Design und Video-Hintergründe
Video und animierte Hintergründe kommen zurück – nach einer Phase, in der sie als veraltet galten. Der Unterschied zu früher: technische Disziplin. Video-Hintergründe, die 2026 funktionieren, sind komprimiert, autoplay mit muted und playsinline, haben ein Poster-Bild als Fallback, und sind auf Mobile deaktiviert oder durch ein Standbild ersetzt.
Was nicht funktioniert: ein 50-MB-MP4 als Hero-Background. Das ist keine Designentscheidung, das ist eine Entscheidung gegen den Nutzer.
AI-generierte Visuals
KI-generierte Bilder und Grafiken sind skalierbar und inzwischen technisch überzeugend. Die Herausforderung ist Konsistenz: eine Bildsprache über eine gesamte Website aufrechtzuerhalten, wenn Bilder mit unterschiedlichen Prompts erzeugt wurden, ist schwierig. Stilabweichungen fallen auf.
Für einzelne Illustrationen oder abstrakte Hintergrundgrafiken funktioniert es gut. Als Ersatz für Produktfotos oder Porträtaufnahmen ist es problematisch – KI-Fotos von Menschen werden von Nutzern zunehmend erkannt, und das Vertrauen leidet.
Der pragmatische Ansatz: AI-Visuals dort einsetzen, wo Konsistenz keine kritische Rolle spielt (abstrakte Grafiken, Illustrationen, Hintergründe), und für Bereiche, wo Authentizität wichtig ist (Team, Produkte, Referenzen), auf echte Fotografie setzen.
Was übertrieben wird – und ignoriert werden kann
Brutalism für jeden
Brutalistisches Webdesign – rohe Typografie, sichtbare Gitter, Absicht zur Unordnung – ist für bestimmte Marken eine starke Aussage: Kreativagenturen, Kunstprojekte, Musikveranstaltungen. Für 90% der Unternehmen ist es schlicht das falsche Signal. Eine Steuerberatung, eine Arztpraxis oder ein Logistikunternehmen, das einen brutalistischen Look wählt, kommuniziert Unzuverlässigkeit – auch wenn der Stil handwerklich gut umgesetzt ist.
Stilentscheidungen müssen zur Marke passen, nicht zum Trend-Zeitgeist. Was für eine Berliner Agentur funktioniert, untergräbt das Vertrauen bei einer Versicherung.
Horizontal Scrolling
Horizontal scrollende Websites sehen in Designpräsentationen oft beeindruckend aus. In der Praxis: Nutzer sind vertikal trainiert. Browser, Screenreader und Touchpads für horizontales Scrollen unoptimiert. Copy-Paste, Anker-Links, Drucklayouts – alles wird kompliziert.
Es gibt Ausnahmen (Bildgalerien, Timeline-Visualisierungen), aber als primäres Navigationsprinzip für eine Unternehmenswebsite ist horizontales Scrollen ein UX-Problem, das keinen Vorteil bietet.
Aufwändige Loader und Splash-Screens
Ein animierter Ladebildschirm, der das Logo erscheinen lässt bevor die Seite zugänglich ist, hat eine einzige Wirkung: er verzögert den Zugang zum Inhalt. Nutzer, die von Google kommen und eine Frage haben, möchten nicht zwei Sekunden einen animierten Schriftzug beobachten.
Wartezeit ohne Mehrwert ist Wartezeit. Wenn eure Website einen Loader braucht, ist das ein Performance-Problem, kein Designelement.
Was kommt
Personalisierung durch KI
Dynamische Inhalte, die sich je nach Nutzerkontext anpassen, werden zugänglicher. Nicht als Machine-Learning-Projekt – sondern durch API-Verbindungen zu CRM-Daten, einfache A/B-Testing-Varianten und regelbasierte Personalisierung. "Ihr seid aus München?" – dann zeigt die Homepage Referenzen aus Bayern zuerst.
Das ist heute schon umsetzbar, wird aber 2026/2027 breiter als Standarderwartung ankommen.
3D und WebGL für alle
Three.js und Spline machen dreidimensionale Elemente im Web zugänglicher. Früher war 3D im Browser ein Spezialprojekt. Heute kann ein Designer mit moderaten Kenntnissen in Spline ein interaktives 3D-Objekt bauen und auf der Website einbetten – in Stunden statt Wochen.
Das wird kein Universal-Stilmittel, aber für Produktdarstellungen, Portfolios und Marken, die technisches Können demonstrieren wollen, ist es ein relevanter Kanal.
Voice und multimodale Interfaces
Voice UI als primäre Interface ist weiterhin ein Nischen-Kanal. Als Ergänzung – und insbesondere durch die zunehmende Integration von KI-Assistenten in Betriebssysteme – wird die Frage relevanter, ob eine Website semantisch so aufgebaut ist, dass Sprachassistenten sie sinnvoll auslesen können. Das überschneidet sich mit Accessibility und strukturierten Daten.
Design und Conversion: warum Trends nicht über Nutzerführung stehen dürfen
Kein Trend rechtfertigt eine schlechtere Nutzerführung. Ein beeindruckendes Animation-Intro, das Nutzer davon abhält, den CTA zu sehen, kostet Umsatz. Ein Dark Mode, der Formularfelder unlesbar macht, kostet Vertrauen. Bento-Grids ohne inhaltliche Logik verwirren.
Design ist Kommunikation, nicht Dekoration. Die Frage, die über jeder Stilentscheidung stehen muss: Hilft das dem Nutzer, das zu tun, was er tun möchte – und was wir möchten, dass er tut?
Wenn ihr vor einem neuen Projekt steht oder eure bestehende Website kritisch bewerten wollt, sprecht uns gerne an. Wir schauen uns das nüchtern an: was funktioniert, was nicht, und welche Design-Entscheidungen wirklich Impact haben.